Jutetasche statt Turnbeutel

Wir haben uns auf eine Tasse Kaffee mit der Journalistin Katharina Nickoleit getroffen, die zusammen mit ihrem Vater Gerd Nickoleit, Mitbegründer des Fairhandelsunternehmens GEPA, das Buch "Fair for future: ein gerechter Handel ist möglich" geschrieben hat und uns über das Buch unterhalten.

Katharina Nickoleit, Journalistin und Autorin
Gerd & Katharina Nickoleit

Frau Nickoleit, wir treffen uns virtuell auf eine Tasse Kaffee und sind damit schon bei einem der bekanntesten Produkte des Fairen Handels. Was hat Sie dazu bewogen, zusammen mit Ihrem Vater Gerd Nickoleit ein Buch über Fairen Handel zu schreiben?

Mein Vater wollte schon lange ein Buch über den Fairen Handel schreiben. Er kann bestimmt vieles, aber nicht unbedingt ein Buch schreiben... Da ich bereits über den Ch. Links Verlag ein Buch über Bolivien veröffentlicht habe, kam die Idee eines gemeinsamen Buch-Projekts. Was als Geschenk an meinen Vater begann, wurde durch die intensive Recherche immer mehr auch zu "meinem" Buch, das auf den Erlebnissen und der Geschichte meines Vaters, aber auch auf meinen Recherchen im Globalen Süden basiert.

Ihr Vater ist Mitbegründer des Fairhandelshauses GEPA, sodass Sie quasi mit dem Thema Fairer Handel groß geworden sind. Inwieweit hat das Ihre Kindheit beeinflusst und Ihre Sicht auf die Dinge geprägt?

Der faire Handel war in unserer Familie immer präsent. Da gab es dann auch keine halben Sachen: statt eines schönen, bunten Turnbeutels hatte ich eine Jutetasche. Rückblickend habe ich meine Kindheit wirklich als ziemlich entbehrungsreich in Erinnerung. Nicht, weil es an Existenziellem mangelte, sondern weil in unserer Familie Maßstäbe angelegt wurden, die einfach nicht dem entsprachen, was im Deutschland der 80er Jahre Standard war. Die Herkunft eines Produkts stand im Fokus, nicht die Modernität und das Aussehen. Damit kann man dann in einer Schulklasse eigentlich nur verlieren. Natürlich hat mich diese Kindheit aber auch geprägt, denn als Journalistin beschäftige ich mich mit den Themen Gesundheit und Umwelt im Globalen Süden. Themen, die heute aktuell sind, habe ich bereits in der Kindheit mitbekommen und so einen Wissensvorsprung, der mir heute zugute kommt.

Fairer Handel wird bei einer oberflächlichen Betrachtungsweise oft auf die Zahlung eines höheren Preises reduziert. Welchen Mehrwert bietet Fairer Handel? Wieso brauchen wir Fairen Handel?

Der höhere Preis ist schon ein ganz wichtiger Bestandteil, denn er garantiert, dass ein existenzsicherndes Einkommen gezahlt werden kann, dass die Menschen menschenwürdig arbeiten und davon leben können. Dabei geht es nicht nur darum, gerade so zu überleben, sondern auch Rücklagen bilden zu können für die Gesundheitsversorgung und Ausbildung der Kinder, vernünftige Wohnverhältnisse finanzieren und sich weiterentwickeln zu können. Die Handelspartner*innen sollen nicht nur einfach Zulieferer sein, sondern auch selbst gestalten können. Beispielsweise gibt es in Bolivien eine Kakao-Kooperative, die inzwischen ihre eigene Schokolade herstellt. Vor 40 Jahren waren das einfache Bauern, die nur ihre Kakaobohnen nicht zu Dumpingpreisen verkaufen wollten. Das ist ein gewaltiger Sprung, denn inzwischen gilt ihre Schokolade nicht nur in Bolivien als Spitzenprodukt. Diese Schokoladenfabrik würde es wahrscheinlich nicht geben, wenn die Bauern in der Kooperative nicht diese Entwicklungschancen durch den Fairen Handel bekommen hätten. Beim Fairen Handel stecken auch viele ökologische Kriterien mit drin: Verbot zum Fällen von Primärregenwal, vernünftige Entsorgung von Müll und Abwässern, ... Die Einhaltung dieser Kriterien wird natürlich auch von unabhängigen Auditoren geprüft.

In Ihrem Buch wird häufig vom Fairen Handel mit dem Globalen Süden gesprochen. Was versteht man unter dem Globalen Süden und was ist mit dem Fairen Handel im Globalen Norden?

Der Begriff des Globalen Südens hat sich entwickelt. Anfangs sprach man von der Dritten Welt: der Westen als Erste Welt, der Ostblock als Zweite Welt und der Rest war eben die Dritte Welt. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks machte diese Einteilung keinen Sinn mehr, daher sprach man dann von Entwicklungsländern. Das wurde allerdings als herabwertend aufgefasst, schließlich entwickeln sich ja alle irgendwie. So einigte man sich auf den Globalen Süden, diese Begrifflichkeit habe ich entsprechend übernommen.
Natürlich sind die fairen Grundsätze auch für den Handel mit dem Globalen Norden wichtig: auch dort sollten keine Dumpingpreise gezahlt , unhaltbare Bedingungen wie bei Paketauslieferungen abgeschafft werden. In Europa gibt es zum Beispiel oft schwierige Bedingungen auf Spargel- oder Erdbeerfeldern. Andererseits gibt es aber auch die Meinung, dass es im Globalen Norden Gewerkschaften gibt, einen Rechtsstaat und auch Mindestlöhne und wer sich nicht dran hält, muss damit rechnen, dass er belangt wird - alles Dinge, die im Globalen Süden nicht gelten. Die begrenzten Kräfte im fairen Handel müssen daher da eingesetzt werden, wo sie am meisten benötigt werden und das ist aktuell nach wie vor im Globalen Süden. Das Team von Fairtrade International hat das aber im Blick und setzt bereits Pilotprojekte für fairen Handel auch im Globalen Norden um.

Sie schreiben fair und bio gehören zusammen, ein ganzer Abschnitt dreht sich um das Thema True Costs. Was verbirgt sich dahinter und wie kann man Verbraucher*innen dafür sensibilisieren?

True Costs sind ein sehr komplexes Thema. Wenn man Ware produziert, sollte man nicht nur die direkten, sondern auch indirekten Produktionskosten berücksichtigen. Angenommen wir produzieren so günstig wie möglich, dann wäre es günstiger, Pestizide oder künstlichen Dünger zu verwenden, um die Erträge zu steigern. Das ist aber zu kurz gedacht, denn durch den Verbrauch von Pestiziden und künstlichen Düngern entstehen Folgekosten, beispielsweise durch Verschmutzung von Gewässern, was womöglich dazu führt, dass Anrainer weniger Fisch fangen. Das sind dann allerdings Kosten, die andere Leute tragen müssen, nämlich die vor Ort. Genau diese wahren Kosten müsste man einberechnen. Jemand, der ökologisch produziert, verursacht keine oder nur geringe zusätzliche Kosten in Form einer Verschmutzung, hat aber durch  den ökologischen Anbau selbst höhere Kosten. Etwa, weil er niedrigere Erträge oder mehr Arbeit hat. Diese können durch Bioprämien o.ä. ausgeglichen werden, während konventionelle Produkte durch Berücksichtigung der durch sie verursachten Folgekosten teurer werden müssten.
Bei den Verbraucher*innen muss verstärkt eine Sensibilisierung stattfinden, was die günstige Produktion von Lebensmitteln tatsächlich kostet. Natürlich ist eine Einberechnung der Folgekosten erstmal theoretisch und erfordert viel Rechnerei. Aber wenn wir die wahren Kosten nicht der nächsten Generation oder den Menschen am anderen Ende der Welt aufhalsen wollen, müssen wir sie beziffern und das auch auf die Preise umlegen.

Sie schreiben auch von der Notwendigkeit für die Fairhandels-Organisationen, sich mit der Jugend, die sich z.B. für Fridays for Future engagiert, zu vernetzen. Die Ziele müssten sich doch eigentlich überschneiden, was sind die Herausforderungen?

Einige Engagierte von Fridays for Future auf Bundesebene haben den Fairen Handel schon auf dem Zettel, es ist aber der breiten Masse nicht bewusst. 
Weltläden haben meist eine nicht so große Sexiness, sind teils eingeschworene Gemeinschaften von Leuten, die "ihre" Weltläden seit Jahren mit viel Engagement führen. Vielleicht fehlt da die Offenheit für junge Leute, die neue Ideen hätten und ganz andere Arbeitsweisen. 

Wichtig finde ich, dass man sich nicht über Details entzweit, wie das in den 80er- und 90er-Jahren passierte, damit kann man so eine Bewegung wirklich relativ schnell klein kriegen. Viel wichtiger ist, sich auf die gemeinsamen Ziele zu konzentrieren und eben einfach akzeptieren, dass unterschiedliche Gruppen und Generationen da eigene Ansätze haben. Die eigene Idee muss nicht zwangsläufig die Beste sein, es gibt viele gute Wege. 

 Sie berichten als Journalistin oft über faire Projekte aus den Ländern des Globalen Südens. Erzählen Sie uns von Ihrem Lieblings-Projekt!

Ich mag besonders die Projekte, die den Fairen Handel als Chance nutzen, ihre Umwelt zu schützen. Projekte mit Handelspartnern also, die  den Umweltschutz wirklich leben wollen. Das habe ich gerade aktuell beim Kakao erlebt: in der Dominikanischen Republik hat eine Kakao-Kooperative eine ökologische Bewirtschaftung in den Fokus gestellt und Kakaobauern aus Westafrika eingeladen, sich anzuschauen, wie man mit ökologischer Bewirtschaftung guten Kakao produzieren und dabei seine Umwelt schützen kann.
Dieser Wille zum Austausch hat mich beeindruckt!

Was können kleinere Unternehmen wie wir als Bio-Lieferdienst für gerechten Handel tun?

Kleinere Unternehmen sollten auf die Verbindung zum Umweltschutz hinweisen und so aufzeigen, dass es um noch mehr geht als um ein existenzsicherndes Einkommen. Überraschenderweise sind Verbraucher*innen häufig bereit, für Umweltschutz mehr auszugeben als für ein existenzsicherndes Einkommen in den Herkunftsländern. Ich glaube, beides geht nur zusammen: die Akzeptanz für faire Produkte wird wachsen, wenn man sicher klarstellen kann, dass sie auch ökologisch hergestellt worden sind.

Zum Schluss ist Ihre Erfahrung gefragt: was sind drei einfache Tipps für Verbraucher*innen, beim eigenen Einkaufsverhalten künftig den gerechten Handel zu unterstützen?

Am wichtigsten ist der Klassiker: beim Kauf auf die Herkunft achten, also wo kommt das Produkt her und wie wurde es hergestellt. Das ist inzwischen auch nicht mehr so schwierig, Siegel sind dabei ein wichtiger Hinweis. Im zweiten Schritt dann mit den Siegeln beschäftigen, denn da gibt es Unterschiede. Das sind eigentlich schon die wichtigsten zwei Hinweise, denn so findet man Hersteller, die beides miteinander vereinen. Und vielleicht noch: wenn Sachen extrem günstig sind, auch einmal hinterfragen, wieso das so ist und wie das sein kann. Da müssen Alarmglocken angehen: warum kann das so billig sein? Das zu hinterfragen wäre vielleicht sogar der erste, beste Schritt...

Vielen Dank für das Gespräch!

Fair for Future, ein gerechter Handel ist möglich: bequem mit Ihrer Ökokiste nach Hause liefern lassen!

von Gerd & Katharina Nickoleit
Erschienen: März 2021, Ausstattung: Broschüre
Format: 12,5 x 20,5 cm
Seitenzahl: 224
Abbildungen s/w: 42
ISBN: 978-3-96289-113-8

Seit mehr als 50 Jahren versucht der Faire Handel, der wirtschaftlichen Ausbeutung armer Länder durch die reichen Industriestaaten etwas entgegenzusetzen. Inzwischen ist das Siegel der Bewegung in jedem Supermarkt zu finden. Aber erfüllt der Faire Handel seine selbstgesteckten Ziele? Taugt er als Modell, um das Problem der globalen Ungleichheiten anzugehen? Und genügt er heutigen Forderungen nach ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit?
Gerd Nickoleit, Mitbegründer des Fairhandelshauses GEPA, und seine Tochter Katharina Nickoleit, die als Journalistin aus dem Globalen Süden berichtet, ziehen in diesem Buch Bilanz und stellen erfolgreiche Projekte aus aller Welt vor. Außerdem setzen sich die beiden mit der Zukunftsfähigkeit des Fairen Handels auseinander. Denn ein gerechtes Welthandelssystem ist nach wie vor bitter nötig.

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